Gilda Langer
Hauptseite >
Bilder >
Texte >
Impressum >


Dyckerpotts Erben

von Emil Faktor
22.9.1917



Zum neuen Dreiakter des sozialdemokratischen Schriftstellers Robert Grötsch ging aus Dresden der Ruf besonderer Wirksamkeit voraus, den wir nur in mäßigem Umfange bestätigen können, ohne es gleich mit den Unerbittlichen zu halten, die das harmlose Gebräu einer Erbschaftskomödie grimmig auszischten. Eine der Parteirichtung des Verfassers angepaßte Weltanschauung ist dem Stück wohl kaum anzumerken – eher wäre sie schon als eine Gelegenheitsarbeit zu Ehren eines Weltkongresses des Tierschutzvereins aufzufassen, welche Vermutung aber wieder durch ein Schlußakt-Codizill niedergekämpft wird, das den (vor Enterbung) furchtlosen Totschlag eines lästigen Hausköters mit Universalschaft belohnt. Dagegen hat das im ersten Akt geöffnete Testament deb Verwandten eines verstorbenen Millionärs strenge aufgetragen, seine Villa gemeinsam mit einem "ruppigen Pintscher" zu bewohnen und dem Hundevieh bis an sein Lebensende mit Ehrfurcht und Liebe zu begegnen, worüber zur Hebung des Humors ein knurriger Diener und der Vorsitzende des Tierschutzvereins wachen. Die in ihrer Erbgier unglücklichen Leutchen fügen sich dem Testamente, indem sie teils Hundedecken sticken, teils Mitglieder des Tierschutzvereins werden und nur ganz heimlich Wurstreste mit Rattengift anstreichen. Aber die drei Millionen bekommt der Neffe Richard, dessen zornbebendes charaktervolles Losschlagen mit dem Spazierstock auf das Biest der Erblasser glücklich vorausgeahnt hat. Tante Caroline und Onkel Emil suchen dem für eine Uebertretung des Verbotes belohnten Jüngling die Erbschaft durch Hinweise auf ihre Wurstkabalen streitig zu machen, wodurch sich die Heiterkeitstemperatur um ein paar Grade steigert. Sie hatte es nach dreiaktiger Dürre durchaus nötig.

Man sah eine Aufführung, die den Anlaß an Lustigkeit weit überbot. Die Bühne des Herrn Dr. Robert, der sich von seinem Unternehmen in scheuer Entfernung hält, ist seit der "Warschauer Zitadelle" ein Valetti-Theater geworden, ähnlich, wie es zeitweilig den Kammerspielen mit Pallenberg ergeht. Diese Künstlerin scheint die Förderung durch große Bühnen und gute Stücke nicht nötig zu haben. Sie springt auf die Rolle los und bringt mit losschießenden Geberden und blitzschnellen Worten alle Wirkungen zur Strecke. Die Lachmuskelgegend wird von ihr angefallen und gepufft – man entkommt ihr nicht. So lustig kann die Schwerhörigkeit dargestellt werden. Ein drolliger Kauz ist auch Herr Falkenstein, der das Zwischengebiet von Schwank und Komödie mit schnarrender Stimme und etlicher Gliederkomik auszukosten versteht.

Der Vortragsmeister futuristischer Dichtungen und Mitglied der Sturmbühne Rudolf Blümner gab sich Mühe, die Dummheit einer hergebrachten Possenfigur bloßzustellen. Fräulein Else spielte Gilda Langer, eine neue Erscheinung mit Haarschopf-Dimensionen, unter denen vielleicht vorhandene Spuren des Talentes verschwanden. Einen billigen Diener gab wirksam Fritz Beckmann und hinter der Szene bellte höchst verständnisvoll für Stichworte ein unbekannter Vierfüßler.



Aus: Berliner Börsen-Courier, Nr. 444, 22.9.1917, S. 5.