Gilda Langer
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Das Märchen von Gilda Langer

von Hans Janowitz
11.9.1920



Es war einmal eine Frau, die hatte eine Seele. Darum hatte sie eine ganz dünne Haut, die aus Blumenblättern zu sein schien; darum hatte sie Augen, die einem Engel oder sanften Himmelstier gehörten; darum trug sie einen paradiesischen Garten am Haupt aus blondem Haar.

Es war einmal diese Frau. Seit Sonnabend, 31. Januar 1920, 10 Uhr 15 Minuten vormittags, ist sie nicht mehr. Sie starb. Sie starb, weil sie dem Sterben keinen Widerstand entgegenzusetzen hatte. Keinen Widerstand: das ist es, was uns sterblich macht! Melancholie ist der heimliche Verräter des Lebens an den Tod. Es stirbt, wer irgend etwas hier verneint, was das Leben nicht missen will. Dieses Etwas? Mysterien. Ein Nichts und ein Alles. Eine seelische Stellung zu den Dingen der Erde. Eine Verschiebung des Ausblicks in das Jammertal. Eine Geringfügigkeit. Eine Freude vielleicht, ganz klein und fast nichtig, auf die man verzichtet hat – und irgendwo schlägt da dem Ablauf eines Lebens seine Uhr. – Widerstandslosigkeit vor dem Tode?! Die Widerstandslosigkeit einer Dreiundzwanzigjährigen? So lag das Herz dieses triebzarten Lebens frei in dem Sturme der Todeskrankheit? War dieses Mädchens Jugend denn nicht: Kraft zu leben? War sie nicht eher: Kraft der Feinheit, leben nicht zu können???

Wandelnde Psyche war sie, und ist dahin. Musik und Blumenduft war ihr Atem, Wort, Auge, Schritt. Verirrte Seele, Kind aus den Gefilden eines fremden Werweißwo: so bist Du, Weiße, mit dem schwarzen Engel uns entlaufen?

Hat sie nun ihren Geist aufgegeben, Freunde, oder ihren Leib?! Trauert! Trauert! Denn ein solches Märchen, wie dieses war, das Märchen von Gilda Langer, wird Gott euch nicht wieder erzählen.



Aus: Das Tage-Buch, Nr. 35, 11.9.1920, S. 1158.