Gilda Langer
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Du musst Caligari werden Die Muse des Dr. Caligari

von Olaf Brill
26.2.2010



Vor neunzig Jahren entstand in Berlin "Das Cabinet des Dr. Caligari", der erste deutsche Film, der vollständig in expressionistischen Kulissen gedreht wurde. Der Film war eine Sensation und wurde später von Filmhistorikern als "der berühmteste deutsche Film" angesehen. Das Drehbuch zu diesem Film war das Erstlingswerk zweier junger Männer, die nach dem Krieg dringend Geld brauchten. Inzwischen kennen wir auch die Frau, die die beiden Männer zusammenbrachte: Sie wollte Filmstar werden, doch sie hatte ein tragisches Schicksal. Die Uraufführung des berühmtesten deutschen Films am 26. Februar 1920 sollte sie nicht mehr erleben. Ihr Name war Gilda Langer.


Der Traum junger Mädchen

Was tut ein junges Mädchen Mitte der 1910er Jahre in der mährischen Provinz, dem alle sagen, dass es das schönste Mädchen der Welt wäre? Hermengild Langer, genannt Gilda, wird 1896 in dem kleinen Städtchen Oderfurt (heute Prívoz) geboren, einem Vorort von Ostrau (Ostrava). Hans Janowitz, einer der beiden "Caligari"-Autoren, hat ihr Leben später zu einer Schicksalsgeschichte um Sex, Besessenheit und Tod verklärt: Wenn wir ihm glauben wollen, wächst die kleine Gilda nach dem Tod der Mutter bei ihrem Vater auf, einem böhmischen Schuhmacher, der besessen davon ist, ihr immer neue Schuhe zu machen und sie ihr anzuziehen. Als sie dreizehn ist, will er, dass sie Tänzerin wird, bestellt ihr Ballettkleider und besteht darauf, sie ihr selbst anzuziehen. Doch da die Dorfbewohner auf zack sind, wird er festgenommen, verurteilt und begeht Selbstmord. Tatsächlich ist das wahrscheinlich alles erfunden. Janowitz war ein Schriftsteller, der gerne wilde Geschichten erzählte. Belegt ist nur, dass Gilda mit achtzehn in die nächstgelegene Metropole Wien geht, um eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen.

Gilda Langer Dort lernt sie Carl Mayer kennen, den anderen späteren "Caligari"-Autor, der seinerseits eine Karriere als Dramaturg oder Regisseur beim Theater anstrebt, sich aber seit Jahren mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten durchschlägt. Unter anderem repariert er Barometer, arbeitet für einen Optiker, als Vertreter, Chorsänger, Komparse, Theatersekretär, Bühnenbildner und Zeichner. Mayer ist ein kleiner Mann mit beethovengleichem Haarschopf, der aufgrund einer Knieverletzung aus der Kindheit stets ein Bein etwas nachzieht. Seine Schwägerin Margarete erzählt später: "Gilda war ein Mädchen aus Wien. Sie war sehr hübsch. Carl war sehr verliebt in sie und nahm sie mit nach Berlin."

Berlin ist der Traum junger Mädchen, die von dem Gedanken beseelt sind, als Filmstar entdeckt zu werden. Hier ist das Theater- und Filmzentrum des Deutschen Reichs, und die Mädchen sitzen aufgetakelt in den Cafés herum, in der Hoffnung, dass ein Hilfsregisseur auf sie aufmerksam wird – oft gleich in Begleitung ihrer Mütter, um die Verträge abzuschließen. Carl Mayer und Gilda Langer kommen 1917 beim Berliner Residenztheater in der Blumenstr. 9 unter, er als Kassierer, Komparse und Regieassistent, sie als Nebendarstellerin. Von dieser Stelle aus beginnen sie tatsächlich, Kontakte zur Theater- und Filmszene zu knüpfen. Sie lernen unter anderem Leute aus dem Umfeld des Theaterstars Paul Wegener kennen, der vor dem Krieg die großen Filme "Der Student von Prag" und "Der Golem" gemacht hat. Und in ihrer einzigen dokumentierten Theaterrolle spielt Gilda Langer neben einem waschechten Filmstar: Harry Liedtke, der zu der Zeit als Detektiv "Joe Deebs" auf den Leinwänden unterwegs ist.


Auf dem Weg zum Filmstar

Gilda spielt ein Töchterlein in dem Lustspiel "Dyckerpotts Erben", in dem es um das Testament eines Witzbolds geht, der seinen Hund als Universalerben einsetzt. Die Berliner Theaterkritiker bemerken zwar Gildas Schönheit und die Fülle ihres Haares, sind aber ansonsten wenig begeistert von der Anfängerin, "eine neue Erscheinung mit Haarschopf-Dimensionen, unter denen vielleicht vorhandene Spuren des Talentes verschwanden." Ist sie also eines jener talentlosen Geschöpfe, die vergeblich darauf hoffen, ein Star wie Pola Negri oder Henny Porten zu werden? Nein, Carl Mayer hat inzwischen rausgekriegt, wie man ein Filmstar wird: Es zählt nicht das Schauspieltalent, sondern die Präsenz in den Medien. Mayer knüpft nicht nur Kontakte zur Filmszene, sondern setzt auch Anzeigen in die Fachpresse, in denen er Starfotos publiziert und eine "Gilda-Langer-Serie" ankündigt.

Ende 1917 beißt ein Filmproduzent tatsächlich an und Gilda Langer spielt neben Harry Liedtke und Conrad Veidt in dem exotischen Abenteuerfilm "Das Rätsel von Bangalor", der als "die Sensation für 1918" angekündigt wird: Die Tochter des englischen Gouverneurs wird von einem indischen Fürsten entführt. Ein schottischer Arzt verliebt sich und rettet sie. Der finstere Fürst verfolgt das Paar durch die ganze Welt und begeht am Ende Selbstmord. Die Filmkritiker loben nicht nur Gildas glänzendes Aussehen, sondern diesmal sogar ihre schauspielerische Leistung: "Gilda Langer verbindet eine sichere Beherrschung der schauspielerischen Möglichkeit mit einer faszinierenden Eleganz der Erscheinung."

Gilda Langer 1918 wird Gilda zunächst von der Projektions-AG "Union" (PAGU) engagiert, die für die laufende Saison "sechs bis acht Serien-Films" mit ihr ankündigt, dann von der Decla-Film-Gesellschaft, die sie als Star ganz neu aufbauen will. Anfang 1919 spielt sie neben Actionstar Carl de Vogt und Tänzerin Sadjah Gezza in dem Erotikthriller "Der Herr der Liebe", der zweiten Regiearbeit des 28-jährigen Drehbuchautors Fritz Lang. Der Film wird von der Polizeizensur wegen zuviel Erotik (so Gilda Langers durchsichtigem Gewand, "durch das zeitweise die Brustwarze sichtbar wird") verboten. Doch er wird der Presse vorgeführt, deren Phantasie durch den neuen Filmstar angeregt wird: "Gilda Langer ist eine Frau von unerhört fein differenziertem, prickelndem, sinnlichen Reiz. Ihre schmiegsame Anmut und weiche Frauenhaftigkeit wirken mit starker Unmittelbarkeit." Ein Journalist, der sie in ihrer Wohnung am Kaiserdamm besucht, schwärmt: "Gilda Langer ist eine seltsam eigenartig geprägte Persönlichkeit – Gilda Langer ist die Frau der Phantasie – Gilda Langer ist ein ganz eigener Begriff."


Die Caligari-Connection

Während Gilda Langer beginnt Karriere zu machen, versucht auch Carl Mayer beim Film unterzukommen. Der Schauspieler Ernst Deutsch macht ihn mit Hans Janowitz bekannt, einem jungen Dichter aus Böhmen, der 1918 wie viele Europäer ein traumatisches Erlebnis hinter sich hat: Er hat als Soldat im Krieg gekämpft, dort seinen Bruder verloren, und kommt nun nach Berlin, der Metropole der Kriegsinvaliden, Bettler, aber auch des Pomps, der Drogen und der Vergnügungssucht. Auch er ist auf der Suche nach einem Job. Und Gilda Langer, von der beide Männer hingerissen sind, schlägt Mayer und Janowitz vor: "Du bist ein Dichter, er ist ein Dramaturg, ihr solltet zusammen ein Film-Drehbuch schreiben!" Im Winter 1918/19 setzen sich Mayer und Janowitz zusammen und schreiben aus persönlichen Erinnerungen und damals populären Stoffen das berühmteste Drehbuch der deutschen Filmgeschichte: "Das Cabinet des Dr. Caligari." Sie stellen sich Paul Wegener und Ernst Deutsch in den Hauptrollen vor und schreiben die weibliche Hauptrolle der Jane für ihre Freundin Gilda Langer. Das Buch verkaufen sie schließlich an die Decla-Film-Gesellschaft, für die auch Gilda inzwischen arbeitet.

Grabstein von Gilda Langer Die Decla verfilmt das Drehbuch mit Werner Krauß als Dr. Caligari, Conrad Veidt als Cesare und Lil Dagover als Jane. Gilda Langer ist zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar. Sie arbeitet an anderen Projekten. Monate später wird "Das Cabinet des Dr. Caligari" im Marmorhaus uraufgeführt und wird zur Sensation des Jahres 1920. Doch da ist Gilda Langer bereits tot. Ende Januar wird sie für Probeaufnahmen zu ihrem nächsten großen Decla-Film erwartet. Ein Zeitzeuge schildert: "Am Montag war Pommer da, auch einige Leute von der Presse. Die Jupiterlampen zischten – wir warteten noch auf den Star. Eine ganze Stunde lang warteten wir. Schließlich eilte der Hilfsregisseur ans Telefon, um ihre Wohnung am Kaiserdamm anzurufen. Als er aus der Zelle trat, war er weiß wie eine getünchte Wand und brachte zunächst kein Wort hervor. Dann: Sie kommt nicht. Sie wird – nie kommen, nie mehr – sie – ist – tot." Gilda Langer erliegt der Spanischen Grippe, die nach dem Weltkrieg in mehreren Wellen über die Welt rollt und mehr Opfer fordert als der gesamte Krieg. Nach dreitägigem Fieber stirbt sie am 31. Januar um 10 Uhr 15 vormittags. Julius Sternheim, Dramaturg der Decla, schreibt ihr ein Gedicht: "Gilda Langer hat nicht unter uns gelebt / Nur besucht hat sie uns auf Erden. / Das Mädchen aus der Fremde ... / Schön und wunderbar." Hans Janowitz schreibt: "Trauert! Trauert! Denn ein solches Märchen, wie dieses war, das Märchen von Gilda Langer, wird Gott euch nicht wieder erzählen." Und Carl Mayer lässt ihr auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf einen schlichten Grabstein setzen. Er enhält Noten einer Melodie aus "Tristan und Isolde": das Thema der Liebenden.


© 2010 Olaf Brill